https://daserste.ndr.de/panorama/archiv/2021/Milliardengrab-Elbvertiefung-Kommt-der-Schlick-zurueck,panorama9776.html

Hier der gesamte Text der Panorama-Sendung vom 4.3.2021 mit den Interviews zur Elbvertiefung und Verschlickung der Elbe. Es handelt sich um O-Töne mit Stefan Wenzel (ehemaliger Umweltminister in Niedersachsen und jetzt  Bundestagskandidat der GRÜNEN in Cuxhaven), um Professor Henning Vöpel (HWWI - Hamburg), Prof. Hans-Heinrich Witte (Präsident Generaldirektion Wasserstraßen u. Schifffahrt) und am Ende Professor Frank Ordemann (Hochschule Angewandte Wissenschaften Salzgitter):

Milliardengrab Elbvertiefung: Kommt der Schlick zurück?

Anmoderation Anja Reschke:
„Hamburgs ganzer Stolz, ganze Identität, auch Wirtschaftskraft ist der Hafen. Der größte Deutschlands. Der sich aber seit Jahrhunderten der immer gleichen Herausforderung stellen muss. Er liegt am Fluss, im Binnenland, verschlickt leicht. Und die Schiffe werden immer größer. Seit Jahrhunderten baggert Hamburg dagegen an. 1825 wurde die Elbe das erste Mal vertieft - derzeit laufen die Bauarbeiten zur 9. Fahrrinnenanpassung, wie es korrekt heißt. Der Plan dafür ist allerdings auch schon recht alt. Fast 20 Jahre. Solange wurde darüber gestritten und diskutiert. Gutachten um Gutachten erstellt, Debatte um Debatte geführt. Es ging um Ufer und Deichschutz, um den Schierlings-Wasserfenchel gegen Arbeitsplätze und den Wirtschaftsstandort Hamburg. Schließlich beendete das Bundesverwaltungsgericht den Streit mit dem Urteil: Es darf vertieft werden. Was jetzt gerade geschieht. Nur: in der Zwischenzeit ist – wie man hier sagt – viel Wasser die Elbe runtergeflossen. Die Schiffe sind viel größer, als man sich das vor 20 Jahren vorstellen konnte. Und je tiefer und breiter man gräbt, desto mehr Schlick. Und so baggert Hamburg seinem Traum vom Welthafen hinterher. Stefan Buchen:
Containerschiffe werden immer größer. Sie sollen auch künftig über die Elbe Deutschlands führenden Hafen erreichen können: Hamburg. Deshalb wird die Elbe zurzeit um einen Meter vertieft. Es ist die 9. Elbvertiefung in 200 Jahren.
Aber es gibt ein Dauer-Problem. Immer mehr Sedimente, Schlick, verstopfen Elbe und Hafen.
Panorama liegt eine interne Präsentation der Hafenverwaltung vor, mit einem alarmierenden Befund: das Sedimentinventar wächst stetig. Die gestrichelte rote Linie zeigt den Anstieg.
Tenor: So kann man die angestrebte neue Tiefe kaum halten.
In Cuxhaven an der Elbmündung treffen wir einen, der wegen der Kosten und der ökologischen Folgen die Reißleine ziehen will. Stefan Wenzel war Grüner Umweltminister in Niedersachsen, den Planern der Elbvertiefung wirft er vor, ihr Projekt trotz der Schlickprobleme durchsetzen zu wollen.
O-Ton Stefan Wenzel, Grüne, ehem. Umweltminister Niedersachsen:
„Es läuft definitiv nicht nach Plan. Es ist offensichtlich: haben sich die Verhältnisse in der Elbe, die Strömungen anders entwickelt, als man das erwartet hat bei der Planung. Offensichtlich fällt viel mehr Schlick an, verschlammt die Hafenbecken, aber auch die Fahrrinne. Man muss viel mehr baggern. Die neunte Elbvertiefung muss gestoppt werden. Man muss diese Vertiefung zurücknehmen. Man muss diese Planung überdenken. Hamburg ist mit seinem Latein am Ende.“

Aber Hamburg will die Vertiefung, trotz des Schlicks. Weil es für den keine andere Abladefläche gibt, wird das Ausgebaggerte 10 km unterhalb des Hafens direkt in die Elbe gekippt. Ein Kreislauf, denn sowohl die Bagger kehren in den Hafen zurück als auch der Schlick.
Ein Problem für die oberste Schifffahrtsbehörde des Bundes. Ihr Präsident ist Hans-Heinrich Witte. Er will mit Hamburg die Elbvertiefung in diesem Jahr zu Ende führen. Schlick im Hafen gebe es zwar immer, sagt er. Auch ohne Elbvertiefung. Aber die großen Mengen behindern das Projekt.
O-Ton Prof. Hans-Heinrich Witte, Präsident Generaldirektion Wasserstraßen u. Schifffahrt:
„Ja. Wir haben große Herausforderungen mit dem Sedimentanfall in der Tideelbe. Und dadurch hat Hamburg einen erhöhten Sedimentanfall.“

Klar ist: Durch die Flussvertiefung wird noch mehr Schlick in die Tideelbe gespült werden.
Denn: während man die Elbe von der Nordsee bis zum Hamburger Hafen ausbuddelt, kommt vom Oberlauf immer weniger Wasser: wegen Trockenheit, wegen Klimawandel. Schwacher Oberlauf –immer mächtigere Fluten von der Nordsee durch den Fluss hoch bedeuten: noch mehr Schlick.
Der Aufwand ist jetzt schon enorm.
In den letzten Jahren sind die Baggerkosten auf knapp 150 Millionen Euro im Jahr gestiegen. Der Bund zahlt mit. Durch die Elbvertiefung wird es wohl noch teurer.
Trotz hohem Aufwand: in Hamburg haben auch die Grünen dem Koalitionsvertrag zugestimmt. Die Elbe wird vertieft.
Starke Frau der Hamburger Grünen ist Katharina Fegebank, die Zweite Bürgermeisterin. Im August fragen wir, warum sie an dem Projekt festhält. Kein Interview. Sie verweist auf den Koalitionsvertrag.
O-Ton Panorama:
„Was ist Ihr Appell an die Hamburger Grünen?“
O-Ton Stefan Wenzel, Grüne, ehem. Umweltminister Niedersachsen:
„Sich die ökologischen Schäden anzugucken. Sich die Kosten anzugucken. Sich die Folgen der fortgesetzten Baggerungen sehr genau anzugucken und dem Koalitionspartner glasklar zu sagen: Wir brauchen hier eine Kursänderung. Und das werden auch unsere Parteikollegen und -kolleginnen in Hamburg erkennen müssen.“

Auf unsere neue Anfrage erkennen die Hamburger Grünen an: ja, die Elbvertiefung trage maßgeblich zu einem gravierenden Sedimentproblem im Hamburger Hafen
bei. Aber sie bekennen sich auch zum Koalitionsvertrag.

Wofür stehen die Grünen, wenn sie in der Regierung sind? Ganz Deutschland zahlt bei der Elbvertiefung mit. Grünen-Chef Robert Habeck lehnt ein Interview ab. Schriftlich lässt er mitteilen, die Grünen hätten die Elbvertiefung immer abgelehnt. Aber sie sei nun mal rechtskräftig genehmigt. Das Bundesverwaltungsgericht habe den Eingriff zugelassen.

Also alles legal, wenn auch vielleicht zum Scheitern verurteilt. Selbst wenn sich das Schlickproblem lösen ließe, steht der Flusshafen Hamburg vor einem weiteren Problem: die Elbvertiefung reicht nicht, die Schiffe werden immer größer. Und kommen immer schlechter den Fluss hoch. Vor 15 Jahren, während der Planung, glaubte man fest an das Wachstum des Hafens. Bis 2025 würde der Umschlag auf 25 Millionen Container ansteigen. Deutschlands oberster Schifffahrtsverwalter sagt bis heute, die Wirtschaftlichkeit der Elbvertiefung sei vielfältig geprüft worden.
O-Ton
Prof. Hans-Heinrich Witte, Präsident Generaldirektion Wasserstraßen u. Schifffahrt: 
„Alle diese Ergebnisse kamen dazu, dass diese Maßnahme sowohl ökologisch als auch ökonomisch höchst sinnvoll und dringend umzusetzen ist.“
O-Ton Panorama:
„Und glauben Sie, dass noch Stand jetzt?“
O-Ton Prof. Hans-Heinrich Witte, Präsident Generaldirektion Wasserstraßen u. Schifffahrt:
„Ja.“

Aber die Realität des Flusshafens bleibt offenbar hinter diesen rosigen Erwartungen zurück. Der Container-Umschlag viel geringer als die Prognosen.
O-Ton Prof. Henning Vöpel, Leiter Hamburgisches Weltwirtschaftsinstitut:
„Diese prognostizierten 25 Millionen werden definitiv im Jahre 2025 nicht erreicht werden. Das können wir heute sicher sagen, weil zwischen dem Prognosezeitraum und heute, haben sich dramatische Entwicklungen ergeben, so dass wir heute davon ausgehen müssen, dass es vielleicht 11, maximal 12 Millionen sein werden. Aber ganz, ganz sicherlich nicht diese 25 Millionen.“
Damit entfällt für Professor Henning Vöpel ein zentrales Argument für die Elbvertiefung.
O-Ton Panorama:
„Kann man gegen den Bedeutungsverlust quasi anbaggern hier in Hamburg?“
Prof. Henning Vöpel, Leiter Hamburgisches Weltwirtschaftsinstitut:
„Nein. Man wird gegen den Bedeutungsverlust nicht anbaggern können. Das sollte man im Übrigen auch nicht versuchen.“

Die Elbvertiefung ist Sisyphusarbeit. Wenn sie klappt, können Schiffe zwar mit 14 1/2 Metern Tiefgang auf der Flutwelle den Hafen erreichen. Die größten Schiffe haben vollbeladen inzwischen aber einen Tiefgang von 16 1/2 Metern.

Die Grenzen der Geographie: Hamburg ist ein Flusshafen, hat gegen Häfen am Meer keine Chance.
O-Ton Prof. Frank Ordemann, Hochschule Angewandte Wissenschaften Salzgitter:
„Der Wettlauf zwischen nicht abgeschlossenen weiter steigenden Schiffsgrößen – keiner weiß, wo das wirklich enden wird, kann durch weitere Flussvertiefungen einfach nicht gewonnen werden. Das wird unmöglich sein.“
O-Ton Panorama:
„Also, das ist ein verlorener Wettlauf aus Hamburger Sicht!?“
O-Ton Prof. Frank Ordemann, Hochschule Angewandte Wissenschaften Salzgitter:
„Genauso ist es.“
Und so wird Hamburg von den näher am Meer gelegenen Häfen Rotterdam und Antwerpen abgehängt. Wissenschaftler Ordemann hat das untersucht.
Seit 2014 haben die beiden Westhäfen ihren Containerumschlag um ca. ein Drittel gesteigert. In Hamburg hingegen ist der Umschlag leicht rückläufig.
O-Ton Prof. Frank Ordemann, Hochschule Angewandte Wissenschaften Salzgitter:
„Seit 2014 kann man sagen, ist es aus meiner Sicht so, dass die deutschen Häfen bestenfalls Ergänzungshäfen zu den Westhäfen sind, aber nicht mehr wirklich voll wettbewerbsfähig sind und eine vollständige Alternative zu den Westhäfen darstellen.“
Aber Bund und Senat lassen sich nicht beirren. Hamburgs Wirtschaftssenator teilt mit: Die Chancen seien gut, dass man durch die Elbvertiefung verlorene Marktanteile zurückgewinnt.
Für den Hafenschlick setzt der rot-grüne Senat auf diese Lösung: Alles weit raus auf die Nordsee bringen, um es kurz vor Helgoland ins Meer kippen. Dann, so die Hoffnung, kommt der Schlick endlich nicht mehr zurück.

Bericht: Stefan Buchen
Kamera: Björn Atzler, Esther Finis, Andrzej Krol, Torsten Lapp, Dirk Saeland
Schnitt: Anja, Kropp, Andrea Schröder-Jahn


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